Über die Freundschaft

Radiosendung

Erstausstrahlung: am 14. Dezember auf Radio Orange (o94.at) bei den Philosophischen Brocken 14-15 Uhr, nachhörbar unter diesem Link: https://de.cba.fro.at/610147

Kapitel:
(1) FreundIn der Weisheit, (2) Von Aristoteles zu Nietzsche, (3) Warum man einander in der Philosophie nicht an den Haaren ziehen darf, (4) Liebe - oje, (5) Hühnersuppe, (6) Ekstase - Trieb - Freiheit, (7) Rilke, ein Spendenaufruf und ein verletzter Klavierspieler

Ein kleiner Vorgeschmack:

Nach Arendt könnte man sagen, dass die Philosophie der Moderne einem Trugschluss aufgesessen ist. Sie hatte die Einsamkeit zur philosophischen Tugend erklärt und damit die Zurückhaltung oder Enthaltung gegenüber den anderen, den bewussten Abstand zwischen sich und den anderen fälschlicherweise mit dem Geborgensein verwechselt. Geborgensein, das ist nach Arendt, nur bei den anderen zu finden, in deren Liebe zu finden und in ihrer Akzeptanz dessen, was man von sich zeigt. Nur wer sich zeige, sich ausliefere und riskiere, könne wirklich geborgen werden. Hingegen ist „Geborgenheit in der schlechthinnigen Souveränität des Stolzes, der in der Verborgenheit blüht und gedeiht, nicht möglich (DKT 134). Nach Arendt ist Liebe – und, ich würde sagen: auch Freundschaft – kein abstraktes Gefühl, das in einer Person sitzt, sondern ein tatsächlicher Prozess des gegenseitigen Bergens.

Ich glaube, geborgen zu sein heißt vor allem anderen, zu erfahren, dass wir nicht immer alles selbst machen müssen, oder, wie es in Rilkes Cornet heißt: „nicht immer selbst unsere Wünsche bewirten müssen”, sondern zu Gast sein können: „Nicht immer feindlich nach allem fassen, einmal sich alles geschehen lassen und wissen, was geschieht ist gut“. Denn: „Auch der Mut muss sich einmal sich strecken und sich am Saume seidener Decken in sich selber überschlagen. Nicht immer Soldat sein“.

In der Freundschaft machen wir vielleicht genau diese Erfahrung - dass man sich einmal alles geschehen lassen darf, in dem Wissen, dass es ohne eigenes Zutun, ohne Kampf, gut sein kann und wird. Dass wir nicht immer Soldatinnen und Soldaten sein, nicht immer kämpfen müssen für das Gelingen des eigenen Lebens.

Sich in dieser passivischen Dimension zu erfahren – sich alles geschehen zu lassen – anzunehmen, dass man gewollt, gewünscht, gebraucht wird; sich zu riskieren: sich zu zeigen, sich die Blöße zu geben, sich auszuliefern an die Anderen... - Das alles ist unglaublich schwer und noch dazu unheimlich, riskant. Aber dort liegt nicht nur das Glück, glaube ich, sondern auch der Schlüssel zu einer besseren und hoffentlich freundlicheren Zukunft.

Diese Sendung widme ich Dominique, Valentina, Anni, Seidi, Petr, Janina und Rebekka.

Mein Dank geht an Katja - für den Kuss und die Erlaubnis, ihn der Welt zu zeigen.

Verwendete Titel:

Sun-Mi Hong │ Thoughts to be Spoken │ 4:40 │ ZenneZ Records │ Sun-Mi Hong Quartett

EsRAP und Gasmac Gilmore │ Freunde dabei │ 2:59 │ Springstoff │EsRAP und Gasmac

Gilmore George Benson │ Giblet Gravy │ 4:50 │ Verve Reissues

John Lennon, Paul McCartney │ With A Little Help From My Friends │ 5:12 │ A&M │ Joe Cocker

Kurt Weill │ Mon Ami, My Friend │ 2:27 │ Nagel Heyer Records │ Jacques Loussier

L. Hardin │ All is Loneliness │ 2:30 │ Columbia/Legacy │ Big Brother & The Holding Company, Janis Joplin

Bud Powell │ Time Waits │ 5:09 │ Blue Note Records │ Bud Powell

Erwähnte Literatur:

Agamben, Gorgio (2018). Das Abenteuer. Der Freund. Berlin: Matthes & Seitz, Seiten 83-84.

Arendt, Hannah (2016). Denktagebuch 1950-1973. Erster Band, München: Piper.

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