Ist Krieg der Vater aller Dinge?
Erstausstrahlung am 12. Oktober 2022, auf Radio Orange bei den Philosophischen Brocken. Nachhörbar unter Ist Krieg der Vater aller Dinge? | cba – cultural broadcasting archive
Krieg ist der Vater aller Dinge. So zumindest steht das bei Heraklit. Wenn man in der Philosophie erklären will, warum es Krieg gibt - geben muss - , dann nimmt man Heraklits Fragment B53 zu Rate. Aber ist das auch wirklich richtig? Hat Heraklit nicht eigentlich etwas anderes gemeint? Dank Andrej Prozorov und Mario Rom, die mir freundlicherweise ihre Musik zur Verfügung gestellt haben, klingt das Ganze nicht so trist, wie man vielleicht denken wollte.
Auszug:
Vielleicht ist es eine menschlich-allzumenschliche Eigenschaft, dass wir das Gegenteil in unserem Denken immer ausschalten wollen, zum ganz Anderen erklären. - So, wie diejenigen, die sich auf Heraklit beziehen, in dem Glauben leben, eine Eindeutigkeit herstellen zu müssen – die Wahl treffen zwischen Krieg oder Frieden. Vielleicht haben wir in der Vergangenheit den umgekehrten Fehler gemacht – zu glauben, dass es keinen Krieg mehr geben könnte in Europa. Ich denke: Nur, wenn wir den Krieg anerkennen als Möglichkeit unseres Lebens, können wir von uns behaupten, seine Wirklichkeit verstanden zu haben und gewappnet zu sein. Wenn wir aber den Krieg zum ganz Anderen erklären, auch zum ganz Anderen der Philosophie, dann können wir nicht darauf hoffen, weiter in Frieden zu leben. Das, was wir uns von Heraklit mitnehmen können, ist, dass wir keine Scheuklappen haben dürfen, dass wir auf diesem Auge nicht blind sein sollen. Krieg ist nicht undenkbar. Der Fehler in der Vergangenheit lag bestimmt darin, zu glauben, dass es das, was wir dieser Tage vor uns sehen, gar nicht mehr geben könne. Das aber haben wir aber schon zu oft geglaubt.
Musik:
“Way out East (Prologue)”, von Andrej Prozorov und Vadim Neselovskyi aus dem Album “Short Wave” (2009)
“Buran”, von Andrej Prozorov und Vadim Neselovskyi aus dem Album “Short Wave” (2009)
“Lion Care” von Mario Rom’s Interzone aus dem Album “Eternal Fiction” (2021)
“Phenomenon”, von Mario Rom’s Interzone aus dem Album “Eternal Fiction” (2021)
“Krai”, von Andrej Prozorov und Vadim Neselovskyi aus dem Album “Short Wave” (2009)
“Change of Truth”, von Mario Rom’s Interzone aus dem Album “Truth is simple to consume” (2017)
“Porto Franco”, vom Prozorov Trio aus dem Album Porto Franco (2014)
Verwendete Literatur:
Heraklit, nach der Diels-Kranz-Ausgabe (Reclam)
Lévinas Emmanuel (2002): Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität. Karl Alber.
Mein Dank geht an Michael, für den Widerstand und die nervigen Fragen, Peter für die guten Ideen und Andrej und Mario, deren Musik mir beim Nachdenken sehr geholfen hat.